Tamarisk in der Wüste

Der kleinen Orchidee werden mit sechs Jahren die Fuß-knochen gebrochen und einbandagiert. Die so zu winzigen »Lotusblüten« verkrüppelten Füße sollen ihre Chancen erhöhen, später einmal einen reichen Mann zu bekommen.

Im Alter von sechzehn Jahren heiratet sie einen wohlhabenden Großgrundbesitzer am Rande der Wüste Gobi, den sie am Tag ihrer Hochzeit zum ersten Mal sieht. Sie bringt dreizehn Kinder zur Welt, nur fünf davon erleben den achtzehnten Geburtstag.

1949, nach der Machtübernahme Mao Zedongs wird der Reichtum der Familie zum Verhängnis. Orchidees Mann nimmt sich aus Angst das Leben, Orchidee selbst wird an seiner Stelle als Klassenfeindin verurteilt. Mit inzwischen knapp vierzig Jahren wird sie zur Feldarbeit gezwungen, die sie auf Knien verrichten muss, da sie auf ihren Lotusfüßen nicht lange stehen kann. Sie und ihre Familie überleben Chinas schreckliche Hungersnot, die das ganze Land zwischen 1958 und 1961 erfasst.

Da die Familie nach wie vor als »Ausbeuter« gebrandmarkt ist, sind Orchidees Kinder vom Besuch einer Hochschule ausgeschlossen. 1966, zu Beginn der Kul-turrevolution, muss Orchidee niedere Arbeiten in der Kommune verrichten. Nur die Liebe zu ihrer Familie gibt ihr die Kraft, weiterzuleben.

Im Jahr 1979 wird Orchidee rehabilitiert. So oft in ihrem Leben wollte sie sterben, doch nun ist sie der älteste Mensch im Dorf. Ihr Haus wird zum Treffpunkt der großen Familie. Rauchend sitzt sie am Fenster und wartet auf Besucher…

© Shi Mei